Schlupfwespe und Lagererzwespe: Wie man Nützlinge als Kammerjäger einsetzt

Ameise sitzt auf einem Blatt
Marienkäfer oder Florfliegen sind vielen Gartenbesitzern als willkommene Schädlingsbekämpfer bekannt. Aber auch in der professionellen Schädlingsbekämpfung haben bestimmte Nützlinge inzwischen ihre Daseinsberechtigung. Schlupfwespen und Lagererzwespen werden für vielen Insektenbekämpfungen erfolgreich eingesetzt. Dabei stellen sie eine giftfreie Alternative zum Einsatz von Pyrethrum oder anderen Insektiziden dar. Wir geben einen kurzen Überblick über die Möglichkeiten von Nützlingen und was man bei ihrem Einsatz beachten sollte.

Nützling vs. Schädling: Wo liegt der Unterschied?

Ein Nützling ist das Gegenteil eines Schädlings. Per Definition also ein Tier, dass dem Menschen einen Nutzen bringt und keinen Schaden. Schädlinge treten als Gesundheits-, Vorrats-, Material- und Hygieneschädling auf. Sie schaden dem Menschen, in dem Sie wertvolle Materialien zerstören oder Nahrung ungenießbar machen. Auch als Krankheitsüberträger spielen Sie vielerorts eine Rolle.
Ein Tier kann je nach Situation in verschiedenen Kategorien auftreten. Nützlinge sollen dem Menschen hingegen helfen diese Schäden abzuwenden. Sie vertilgen Blattläuse oder bestäuben unsere Pflanzen und Obstplantagen. Als kleine Helfer in unserem Ökosystem sind sie unverzichtbar.

Wo liegt die Grenze zum Schädling?

Ist ein Schädling also immer schlecht für uns und ein Nützling stets ein treuer Helfer? Ganz so einfach ist es nicht, Vor- und Nachteile müssen immer individuell abgewägt werden.
Eine Wespe kann zwar für Allergiker gefährlich sein, auf Obstplantagen aber ihren Teil zur Abfallverwertung und sogar Bestäubung beitragen. Ein Marienkäfer mag im Garten die schädlichen Blattläuse vertilgen, tritt er in Massen im Haus auf, kann er aber auch schnell lästig werden.
Manchmal ist es natürlich etwas einfacher, eine Bettwanze ist sicher für niemanden eine Erleichterung und die Schabenplage im Haus kann auch niemand wirklich gutheißen.
Aber trotz allem sollte die Notwendigkeit von Bekämpfungen immer der Situation angepasst sein, nicht jede Ameise im Haus oder Garten muss zwangsläufig bekämpft werden und nicht jede Taube auf dem Dach toleriert werden.

Wie können Nützlinge im heimischen Garten eingesetzt werden?

Nützlinge sind für viele Gartenbesitzer eine hilfreiche Alternative zum Pflanzenschutzmittel. Allerdings lassen sich die wenigsten Nützlinge bedarfsgerecht abkommandieren. Wenn es keine Meisen in der Nähe gibt, werden auch die schädlichen Raupen nicht gefressen. Und wenn die Marienkäfer fehlen, bleibt auch die Blattlaus ungestört.
Einige Nützlinge finden mitunter selbst denn Weg zu den unliebsamen Pflanzenschädlingen, einige andere kann man kaufen und gezielt einsetzen. So gibt es Marienkäfer oder Florfliegen im Handel zu erwerben. Dabei sollte man aber darauf achten heimische Arten einzusetzen, da ausländische Käfer invasiv werden können und somit heimische Arten verdrängen.
Man kann aber auch seinen Garten umrüsten und somit Anreize für Nützlinge schaffen, sich hier niederzulassen. Durch den Einsatz von Klee, Hecken oder Laubbergen schafft man geeignete Lebensräume für Nützlinge und lädt die Tiere zum verweilen (und arbeiten) ein. Zudem sollte man nicht alles bekämpfen, was sich im Garten aufhält. Ameisen können zwar lästig sein, wenn sie sich über die Gartenparty hermachen. Die Tiere sind jedoch fleißige Vertilger von Blattläusen und anderen Insekten, die eventuell Schäden im Garten anrichten können.-

Welche Nützlinge werden in der Schädlingsbekämpfung eingesetzt?

Als Kammerjäger greifen wir auf wenige bestimmte Nützlinge zurück. Der Einsatz von Nützlingen im Garten ist für uns eher uninteressant und sollte den Gartenprofis überlassen werden. Nützlinge werden von uns vor allem in Lebensmittelbetrieben oder im privaten Kleiderschrank eingesetzt.
Hierbei kommen vor allem zwei Arten zum Einsatz:

1. Schlupfwespen (Ichneumonidae) gegen Kleidermotten und Dörrobstmotten
2. Lagererzwespen (Lariophagus distinguendus) gegen verschiedene Käferarten

Lagererzwespen setzen wir vergleichsweise selten und nur in bestimmten Fällen ein. Der Grund liegt in der langwierigen Bekämpfung, welche die meisten Zieltiere wie Kugelkäfer oder Messingkäfer erfordern. Für die meisten Kunden ist der Zeitraum weder akzeptabel noch bezahlbar.
Weitere Nützlinge wie Raubmilben oder bestimmte Nematoden setzen wir nur in seltenen Fällen ein, da sie hauptsächlich den Gartenbau betreffen.

Welche Funktion haben Schlupfwespen und Lagerzwespen?

Schlupfwespen gehören zu den Stars der Nützlinge. Die Arbeit mit den Tieren wird vergleichsweise häufig und vielseitig angewendet. Schlupfwespen haben übrigens nichts mit den gewöhnlichen Wespen zu tun. Sie können weder stechen, noch sind sie mit bloßem Auge erkennbar. Sie werden gerade einmal um die 0,3 mm groß. Die Nützlinge sollen die Eier der schädlichen Wirtstiere finden und parasitieren. Dadurch entstehen keine neuen Schädlinge, sondern neue Nützlinge. Solange die Schlupfwespen von ihrem Wirt finden, werden sie die Eier auch parasitieren. Sobald alle Eier befallen wurden oder keine mehr gefunden werden, sterben die Schlupfwespen ab. Die einzige Möglichkeit die Eier von Motten oder anderen Insekten abzutöten, biete die Bekämpfung mit Wärme oder Kälte. Insektizide töten immer nur die geschlüpften Tiere, niemals aber die Eier.

Wie werden Schlupfwespen und Lagererzwespen eingesetzt?

Eingesetzt werden die Nützlinge gegen Kleidermotten, sowie Lebensmittelmotten. Dazu werden kleine Kärtchen, sogenannte Trichokarten im Bereich des Befalls ausgelegt. Der Begriff Trichokarte stammt von dem Begriff „Trichogramma“, welches der lateinische Begriff für die Gattung der Schlupfwespen ist. Die Trichokarten enthalten die Eier der Schlupfwespen, noch keine ausgewachsenen Tiere.
Ab einer gewissen Temperatur, meist so um die 15 Grad, schlüpfen wie Wespen und werden aktiv. Die optimale Temperatur der Schlupfwespen liegt um die 25 Grad. Die Tiere suchen anschließend selbstständig nach den Eiern der Motten und fangen an diese zu parasitieren. Es werden eigene Eier in den Motteneiern platziert, wodurch neue Schlupfwespen, aber keine neuen Motten mehr entstehen. Sobald keine Motteneier mehr vorhanden sind, können auch die Schlupfwespen sich nicht mehr vermehren und sterben vollständig ab. Einen Massenbefall durch Schlupfwespen braucht man daher nicht zu befürchten.
Bei Lagererzwespen funktioniert die Vorgehensweise ähnlich. Anstatt einer Trichokarte wird jedodh ein Kunststoffröhrchen eingesetzt. Diese kann entweder offen ausgelegt werden, oder in vorgebohrte Löcher eingesetzt werden. Gerade bei Kugelkäfern ist diese Methode ratsam, da die Käfer sich im Zwischenboden befinden und die Lagererzwespen die Käfer bei einer einfachen Auslegung am Boden wahrscheinlich nicht finden.

Wie oft müssen Schlupfwespen und Lagererzwespen eingesetzt werden?

Die Dauer des Einsatzes hängt vom Befall ab. Je größer das Objekt und je mehr Schädlinge vorhanden sind, desto länger wird ein Einsatz dauern. Bei geringem Befall mit Lebensmittelmotten in der Küche, können einige wenige Einsätze langen. Bei Kugelkäfern kann sich die Bekämpfung mit Lagererzwespen hingegen über eins bis zwei Jahre ziehen.
Die Häufigkeit der Anwendung hängt ebenfalls vom Befall ab, sowie dem Nützling. Schlupfwespen werden in der Regel alle 14 Tage ausgebracht. Lagererzwespen gegen Kugel- oder Messingkäfer hingegen monatlich. Die Intervalle sollten je nach Situation mit dem Schädlingsbekämpfer und/oder Hersteller der Nützlinge abgesprochen werden.

Wann sollte man auf Nützlinge zurückgreifen?

Nützlinge sind relativ einfach einzusetzen und hinterlassen keine Kollateralschäden. Allerdings sollte ein Einsatz immer abgewägt werden, denn nicht immer ist er die bessere Wahl. Geringer Befall von Motten rechtfertigt meist keinen Einsatz von Schlupfwespen. Einfache Pheromonfallen können die Motten wegfangen oder man erledigt sie händisch.
Ein länger zurückliegender Befall mit Motten ist ebenfalls nicht mit Schlupfwespen zu bekämpfen. Da die Tiere die Eier der Motten parasitieren, braucht es entsprechend schon eine „Brutstätte“. Sind keine Eier vorhanden, sterben die Schlupfwespen relativ schnell ab ohne einen Nutzen erbracht zu haben. Eine vorbeugende Bekämpfung mit Schlupfwespen ist daher ebenso wenig hilfreich, wie einen Befall mit wenigen Motten anzugehen.
Sind hingegen mehrere Räume oder gar ein Lager befallen und es fliegen hunderte Motten durch die Wohnung, sind Schlupfwespen eine sinnvolle Alternative zu Verneblung oder teuren Wärmebehandlungen. Die Nützlinge können einfach auf die Befallsherde verteilt werden und die Eier der Motten werden schnell und sicher abgetötet. Je nach Befall kann ein Einsatz aber auch hier mehrere Monate in Anspruch nehmen.

Dörrobsmotte auf Mehl

Dörrobstmotten können mit Schlupfwespen bekämpft werden

Zusätzliche Schädlingsbekämpfung mit Insektiziden vermeiden

Der Einsatz von Schlupfwespen bietet im Übrigen keine alternativen Möglichkeiten der Schädlingsbekämpfung. Die Tiere sind relativ empfindlich und stellen ihre Aktivität bei Temperaturen unter 15 Grad und über 32 Grad ein. Gleichzeitige Wärmebehandlungen oder eingesetzte Kältebrücken können den Einsatz der Schlupfwespen daher sabotieren.
Ebenso widersprüchlich ist der Einsatz von Insektiziden. Nicht nur dass Schlupfwespen eigentlich eine Alternative zum Gifteinsatz darstellen sollen, man würde quasi auch "Friendly Fire" betreiben. Schlupfwespen werden durch Insektizide wie Pyrethrum ebenso abgetötet wie andere Insekten. Vor allem bei Pyrethroiden oder anderen Langzeitinsektiziden ist Vorsicht angebracht. Denn die verbleibende Wirkung kann die Schlupfwespen auch noch einige Wochen nach dem Einsatz abtöten.

Was kostet ein Einsatz mit Schlupfwespen?

Eine Bekämpfung mit Schlupfwespen wirkt auf den ersten Blick relativ günstig. Die Kärtchen kosten nur wenige Euro und sind schnell ausgebracht. Allerdings braucht es mehrere Einsätze in regelmäßigen Abständen, die durch Anfahrt und Arbeitszeit schnell vergleichsweise teuer werden können. Für Privatkunden empfiehlt sich daher meist nur eine einmalige Beratung durch einen Fachmann. Die Bekämpfung sollte auch aufgrund der zeitlichen Komponente anschließend selbst durchgeführt werden. Sollten eins oder zwei Einsätze von Schlupfwespen verpasst werden, kann dies den Erfolg der vorigen Bekämpfungen wieder komplett zunichte machen.
Größere Lager von Firmen haben wir selbst bereits erfolgreich betreut. Hier sind die Kosten und der regelmäßige Einsatz durchaus vertretbar. In der Relation zum entstandenen Schatten durch die Motten sind die Kosten für die Schädlingsbekämpfung verschmerzbar. Die Expertise des Schädlingsbekämpfers ist zur erfolgreichen Tilgung eines größeren Befalls mitunter gar notwendig.
Eine Bekämpfung von Kugelkäfern mit Lagererzwespen lehnen wir meistens ab. Die Bekämpfung ist relativ schwierig und sehr langwierig. Gerade bei alten Fachwerkhäusern kann sich die monatliche Bekämpfung leicht auf einen Zeitraum von zwei Jahren ausdehnen und so mehrere tausend Euro verschlingen. Und das ohne Gewissheit, dass die Bekämpfung nach zwei Jahren auch vollständig abgeschlossen ist. Eine mögliche Anwendung wäre noch in Lebensmittelbetrieben wie Bäckereien denkbar, die mit Mehlmotten oder Getreidekapuzinern zu kämpfen haben. In jedem Fall ist eine vorige Besichtigung ratsam.
Schädlingsbekämpfer beim Einsatz

Der Einsatz von Insektiziden tötet auch Schlupfwespen

Quellen:
NABU: Nützlinge im Garten (zuletzt besucht am 25.02.2020)
DBU: Broschüre-Nützlinge (zuletzt besucht am 25.02.2020)
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